Von: Faexin

 

05.03.2021

 

Fantasy

 

Als Hörgeschichte auf YouTube

 

 

 

- Cover von LaSh

„Glauben Sie an Wesen, deren bloße Existenz den menschlichen Verstand nicht nur übersteigt, sondern ihn regelrecht überfordert? Nun, ich erlaube mir Ihr Zögern zumindest als nicht ganz unerhebliche Skepsis zu deuten. Und glauben Sie mir… Sie tun gut daran Zweifel zu hegen, wenngleich diese Ihnen wohl unbegründet vorkämen, würden Sie erfahren, was ich erfahren habe.“

 

Professor Bertram erhob die Unterarme, mit denen er sich auf dem Tisch abgestützt hatte, und nahm nach diesen Worten wieder eine entspanntere Haltung in dem alten Lehnstuhl ein. Dessen hölzerne Konstruktion erweckte durch zahlreiche Kerben und Absplitterungen unweigerlich den Eindruck, als habe sie schon etliche Erneuerungen der gepolsterten Sitzfläche überlebt. Ehrlich gesagt hätte es mich keineswegs gewundert, wenn gut die Hälfte der neuen Polster von Professor Bertram über die Jahre persönlich durchgesessen worden wären.

 

Eine nennenswerte Belastung für derart rustikal gebaute Sitzgelegenheiten stellte der Professor aufgrund seiner eher hageren Gestalt wohl kaum dar, jedoch war es ein offenes Geheimnis, dass er schon seit Antritt seiner Beschäftigung am Lehrstuhl für europäische Kulturgeschichte regelmäßig in der Gaststätte Der Karzer einkehrte. Die Universität zu Würzburg hatte ihn nur zwei Jahre nach Beginn des Arbeitsverhältnisses zur Übernahme einer Professur berufen. Genug Zeit für einen ausgiebigen Verschleiß hatte er hier also wohl schon verbracht.

 

Der Karzer gehörte in früheren Zeiten zur Universität und befand sich deshalb im historischen Gemäuer der Bildungseinrichtung, hatte aber einen eigenen Eingang und wurde schon seit geraumer Zeit privat geführt. Seit jeher war seine Geschichte mit dem akademischen Betrieb eng verbunden, was sich besonders in den allegorischen Darstellungen in Form von kunstvollen Malereien und Schnitzereien widerspiegelte, die einige der mauerartigen Wände und hölzernen Elemente des Baus zierten. Der Name der Gaststätte stellte eine ironische Anspielung an die Arresträume dar, in der Studenten Strafen für respektloses Verhalten gegenüber Würdenträgern der Universität und allerlei anderer Vergehen absitzen mussten. Wahrlich konnte man das Verweilen im Karzer wohl kaum als Strafe bezeichnen, war die Atmosphäre doch von der mit schwarzem Eisen beschlagenen Holztür an, die mehr einem kleinen Burgtor als einer Kneipentür glich, bis hin zum Tresen am anderen Ende des großzügigen Gastraumes äußerst einladend. Sie wirkte trotz des alten Mobiliars, das aus einem augenscheinlich wahllos zusammengetragenen Sammelsurium verschiedenster hölzerner Stühle und Sitzbanken an länglichen Tischen bestand, aufgeräumt und gemütlich.

 

Der Tresen selbst war aus gebeiztem Eschenholz gefertigt und man sah ihm sein historisches Alter durch seine Gestaltung und diversen Spuren des Gebrauchs deutlich an. Der optische Höhepunkt des Raumes fand sich jedoch ohnehin zweifellos in den meisterlich geschnitzten Figuren, die sich wie Säulen von der glatten Fläche erhoben und bis zur gewölbten Decke des Karzers ragten. Einige dieser Figuren erinnerten mich an die dämonischen Wasserspeier, die ich einige Jahre zuvor an der Basilika Sacré-Coeur in Paris gesehen hatte, während andere Mischwesen aus entarteten Tieren und degenerierten Menschen darstellen mussten. Letztere waren jedoch überwiegend außerhalb des üblichen Sichtfeldes platziert, sodass sie von den meisten Gästen wohl frühestens auf den zweiten Blick überhaupt entdeckt werden konnten. Wahrscheinlich wurden sie aus denkmalrechtlichen Gründen nicht längst entfernt, denn der Wirt vermittelte durch sein Auftreten und den Rest der Einrichtung nicht den Eindruck, als entsprächen diese Schnitzereien seinem persönlichen Geschmack. 

Eine dieser Abscheulichkeiten, die sich auf einer der Säulen nahe der gemauerten Wand zur linken Seite der Bar befand, hatte sich schon beim ersten Anblick förmlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie konnte nur das Resultat einer widerwärtigen Vereinigung irgendeines haarlosen, humanoiden Wildtieres mit einer Kröte, einem Oktopus oder gar beidem sein. Mit seiner schlangenartigen Zunge und zahlreichen Tentakeln, die ihm vom Gesicht herabhingen, hinderte es ein scheinbar neugeborenes Menschenkind daran aus seinem zahnlosen Maul zu entfliehen. Mein erschrockener Verstand begann sofort diese Szene als geschmackloses, christliches Bildnis zu interpretieren, um das Kind lediglich als kitschige Engelsdarstellung deuten zu dürfen. Jedoch war ich mir keines Zusammenhangs aus dem Kanon der abrahamischen Religionen bewusst, zu der eine solche Schöpfung gepasst hätte. Es musste sich um eine Art heidnischen Opferritus handeln, denn im unteren Teil der betreffenden Holzsäule waren Menschen abgebildet, die zu der Kreatur hinaufschauten, und von denen nicht wenige weitere Säuglinge bei sich trugen. Diejenigen, die sich in vorderster Reihe vor dem Krötenwesen befanden, hoben diesem die Kinder gar anbietend mit gestreckten Armen entgegen. Der Kontrast zwischen der meisterhaften Handwerkskunst, durch die das geölte Mahagoni-Holz geformt worden war, und der Entsetzlichkeit der Motive, die dem Fiebertraum eines verderbten Priesters entsprungen schienen, strahlte eine schreckliche jedoch zugleich faszinierende Ästhetik aus.

 

Eine Vielzahl uneinheitlicher Lampen erzeugte eine gedimmte Beleuchtung der gesamten Gaststätte und vermittelte einen unaufdringlichen, wenngleich auch trügerischen Eindruck von Privatsphäre. Denn bis auf die wenigen Wege, die die Kellner zum Bewirten der Gäste benötigten, hatte der Wirt den vorhandenen Platz der Gaststätte passender Weise wirtschaftlich mit Sitzgelegenheiten und Tischen ausgestattet. Anders wären die studentenfreundlichen Preise für allerlei Biere, ausgewählte Brände und sogar den ein oder anderen hausgemachten Eintopf hier im historischen Stadtkern kaum zu realisieren gewesen. Ich nahm die mir eher wirr erscheinenden Fragen und Thesen des Professors zum Zeitpunkt des Treffens kaum ernst, sodass meine Aufmerksamkeit vielmehr dem regen Geschehen im Karzer galt und ich mich dabei ertappte, wie die an mich adressierten Worte einem leichten Schauer glichen, der einem zwar die Kleidung durchnässt, den man aber nach einiger Zeit der Eingewöhnung kaum noch wahrnimmt.

 

Ein offener Kamin tat für die Beleuchtung sein Übriges und verbreitete eine angenehme Wärme im ganzen Raum, die  durch die sandsteinernen Wände selbst zur strömen schien, wie eine prüfende Berührung des alten Mauerwerks nahelegte. Auf den hölzernen Tafeln waren jeweils mehrere weiße Kerzen unterschiedlicher Größe mit auffallend dicken Dochten verteilt, die hier und da zu kleineren Gruppen zusammengeschoben waren. Diese flackerten immer wieder kurz auf, wenn ein Gast eine der beiden beschlagenen Türen öffnete, wobei jedoch kein unangenehmer Luftzug zu vernehmen war.

In den helleren Jahreszeiten musste der Raum tagsüber dagegen für eine Gaststätte unpassend hell ausgeleuchtet sein, da man große Teile der ursprünglich aus massivem Fichtenholz gearbeiteten Gewölbedecke in der Mitte des Raumes ganz zu meiner Freude durch ein Spitzdach aus Glas ersetzt hatte, nachdem das darüberliegende Geschoss teilweise eingestürzt und nicht wieder errichtet worden war. Die einzelnen Glaselemente des neuen Daches wurden offenbar mit der gleichen dunklen Legierung eingefasst, die sich schon an der beschlagenen Eingangstür fand. Das gläserne Dach ließ das Prasseln des Herbstregens trotz der ausgelassenen Stimmung der anderen Gäste durch die Gespräche an den Nachbartischen dringen, was in mir eine nahezu hypnotische Wirkung entfaltete, die mich in Gedanken zwischenzeitlich immer mal wieder in meine Kindheit zurückversetzte. Mein Bett hatte damals viele Jahre unter dem Fenster einer Dachschräge gestanden. Ich fragte mich, ob man in einer klareren Nacht, in der man zwar auf den entspannenden Regen hätte verzichten müssen, dafür einen gleichsam lohnenden Blick direkt aus dem Gastraum des Karzers in den besternten Himmel hätte werfen können.

 

Der Tisch, auf den mich die junge Kellnerin auf Nachfrage noch vor Eintreffen des Professors verwiesen hatte, befand sich etwas abseits des restlichen Gastbetriebs. Er stand halb in einer Nische in der Wand, die sich der Karzer mit dem unmittelbar angrenzenden Trakt des Universitätsgebäudes teilte. Hätten die Widrigkeiten des Jahres mich nicht in einen fast unerträglichen Zustand der Anhedonie versetzt und somit mein Interesse an den meisten sinnlichen Freuden vorerst im Keim erstickt, wäre ich wohl versucht gewesen, die Avancen von Isabelle – so hatte sich die junge Kellnerin mit den langen, schwarzen Haaren lächelnd vorgestellt – zu erwidern und den Professor, der sich ohnehin verspätete, zu versetzen. Allerdings traute ich meinem Urteilsvermögen bezüglich dieser Art Angelegenheiten ohnehin eher selten und fragte mich daher auch noch einige Zeit nach dieser denkwürdigen Nacht, ob es sich bei den von mir wahrgenommenen Signalen seitens Isabelle nicht vielmehr einfach nur um Freundlichkeit oder den Versuch handelte, ein üppiges Trinkgeld rauszuschlagen. Sie erzählte mir, dass sie sich mit der Arbeit im Karzer ihr Studium finanziere und später einmal die in ihrer Heimatstadt bekannte Gaststätte ihres Onkels übernehmen wolle, der er den Namen Toss-Lounge gegeben hatte.  Nicht zuletzt da Professor Bertram nur kurz darauf dann doch eintraf, gingen Isabelle und ich ohne weitere Wortwechsel unseren Verpflichtungen des Abends nach, wenngleich sich unsere Blicke noch das ein oder andere Mal treffen sollten. Eine durchaus willkommene Abwechslung zu den teilweise seltsamen Ausführungen des Professors, die erst rückblickend langsam einen Sinn zu ergeben schienen.

 

Direkt hinter den sandsteinernen Quadern auf der anderen Seite der Mauer, in die sich die Nische einfügte, befand sich zu Gründungszeiten der inzwischen Jahrhunderte alten Universität der Teil der Bibliothek, der insbesondere lose Schriften und gebundene Bücher beherbergte, deren Autoren sich mit Alchemie und Okkultem befasst hatten. Dies erfuhr ich im Verlauf des Gesprächs mit Professor Bertram von ihm selbst, und sein Gesicht verriet beim Äußern dieses Sachverhalts eine fast schon unheimlich anmutende Begeisterung über diesen Umstand. In meiner Vorstellung drohten seine Augen, die für einen Moment lang deutlich aus dem alten Schädel hervorzuragen schienen, sogar die Gläser seiner unmodischen Brille an Größe zu übertreffen und den Halt in ihren Höhlen zu verlieren. Den Rest des Abends war ich mir nicht mehr sicher, wieso er sich gerade diesen Platz in dem sonst so einladenden Gasthaus ausgesucht hatte. War die Wahl seines Stammplatzes wegen der Abgeschiedenheit auf diesen Tisch gefallen, oder vielleicht doch eher wegen der Nähe zum ehemaligen Aufbewahrungsort nahezu aller damals bekannten Schriften, die als zu häretisch angesehen wurden, um sie in das frei zugängliche Inventar der Universitätsbibliothek aufzunehmen?

 

Viele der unersetzbaren aber von der Allgemeinheit ebenso unbeachteten Werke waren im Zuge der letzten Renovierung der Bibliothek vor einigen Jahrzehnten verloren gegangen, und die meisten waren seither nicht wieder aufgetaucht. Zu den prominenteren der verlorenen Werke zählte eine der ersten gedruckten Ausgaben des Malleus maleficarum, besser bekannt als der Hexenhammer, der im fünfzehnten Jahrhundert vom Dominikanermönch Heinrich Kramer in Speyer veröffentlicht wurde. Der Buchdruck mit austauschbaren Lettern war nur wenige Dekaden zuvor erfunden worden und hatte die Verbreitung dieses unheilbringenden Werks begünstigt, sodass es maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass allein hierzulande rund fünfundzwanzigtausend Menschen, zumeist Frauen, einen nicht selten grausamen Tod durch die Hände der Inquisition fanden. Wie viele dieser oft selbsternannten Hexenjäger wahrhaftig an die läuternde Wirkung der Scheiterhaufen sowie einer Vielzahl anderer Folter- und Hinrichtungsmethoden glaubten, lässt sich nur mutmaßen. Angesichts der auch heute noch bezeugten Abartigkeit mancher Menschen ist anzunehmen, dass nicht wenige von ihnen vielmehr den Zeitgeist dazu missbrauchten, dem limbischen Teil ihres Gehirns unkontrolliert nachzugeben und ihre pervertierten Gelüste unter dem Deckmantel falscher Gottesfurcht zu stillen. 

 

Auch eine handgeschriebene gebundene Übersetzung des Necronomicons gehörte zu den verschollenen Schriften, dessen ursprünglich auf Arabisch verfasster Inhalt an Abscheulichkeit und Verderbtheit wohl kaum zu übertreffen war. Auch dieses Buch konnte nach der Renovierung nicht wieder aufgefunden werden. Nicht auszuschließen, dass die Bibliothekare der Universität die Suche erst gar nicht aufrichtig unternommen hatten, denn der alte Grimoire genoss sogar unter den neugierigsten Schriftgelehrten einen höchst zweifelhaften Ruf. Das Exemplar, das sich bis zu seinem spurlosen Verschwinden im Besitz der Universität befand, stammte aus dem Nachlass eines bekannten Metaphysikers. Der Abschiedsbrief, den er nach seinem Freitod hinterlassen hatte, enthielt ausschließlich die Aussage, dass er die Büchse der Pandora seines eigenen Verstandes geöffnet habe, und seiner offensichtlich unter großer Nervosität zu Papier gebrachten Unterschrift.  

 

Während Professor Bertram wegen des Verlusts des Hexenhammers ein authentisches Bedauern zeigte, vermittelte er bei seinen Ausführungen zum Verschwinden des Necronomicons eher den Eindruck, als wolle er eine geheime Freude überspielen. Die wenigsten lebenden Menschen hatten jemals auch nur den Einband dieser schändlichen Schöpfung erblickt, zumal sich die letzten bekannten Exemplare, die mehreren Epochen der gezielten Zerstörung getrotzt hatten, in Privatbesitz wohlhabender Sammler befanden. Allerdings war das ketzerische Buch nicht selten in einigen der eher düsteren Geschichten meines verstorbenen Großvaters aufgetaucht, die mich als Kind besonders faszinierten. Bei diesen handelte es sich meist um Erzählungen, die aus Überlieferungen bereits untergegangener Völker hervorgegangen waren. Mein Großvater war im Zuge seines Studiums und auch danach viel gereist und hatte einen dementsprechend großen Fundus solcher Geschichten angehäuft. Unabhängig vom Kulturkreis, aus dem die jeweilige Erzählung stammte, handelte es sich bei diesem Werk um eine Art Enzyklopädie allerlei unheilvoller Formeln und dämonischer Schriften, deren Inhalt sich teilweise mit zeitlich vorangegangen Werken und Ritualen deckte, über diese jedoch in allen widerwärtigen Aspekten erhaben war.

 

Schon als junger Student hatte mein Großvater die Vorlesungen von Professor Bertram besucht. Dieser war zwar die akademischen Ränge ungewöhnlich schnell emporgeklettert, aber in Anbetracht des stattlichen Alters von knapp achtzig Jahren, welches mein Großvater zum Zeitpunkt seines Todes erreicht hatte, konnte der Professor nicht mehr weit davon entfernt sein, selbst mindestens ein ganzes Jahrhundert auf dieser Erde zu verweilen. Während man ihm ein hohes Alter an seinem zerfurchten Gesicht, den spärlich gesäten silberweißen Haaren und seiner gekrümmten Körperhaltung deutlich ansah, erschrak ich bei dieser einfachen Rechnung kurz innerlich. Der Professor war alt, keine Frage, aber so alt?  Eine zugegeben überschaubare Recherche zum genauen Alter des Professors einige Tage nach unserem Treffen blieb bis auf wenige Anhaltspunkte, aus denen sich jedoch keine klare Antwort ableiten ließ, nahezu ergebnislos. Die Aufzeichnungen zu den Beschäftigungsverhältnissen der Universität, die die relevanten Zeiträume betrafen, seien genau wie viele der okkulten Werke vor den modernen Möglichkeiten der Archivierung verloren gegangen, wie mir auf Nachfrage mitgeteilt wurde.

 

Mein Großvater war auch indirekt der Grund für mein Treffen mit Professor Bertram, der mich nach dem Tod meines Vaters postalisch kontaktiert und auf ein baldiges Kennenlernen gedrängt hatte. Da ich ohnehin schon lange vorhatte, den ältesten bekannten Ursprungsort meiner Familie väterlicherseits zu besuchen, und ich zu meinem Leidwesen nicht gut darin bin, eine solche Bitte auszuschlagen, sagte ich bald schon nach Erhalt des Briefs telefonisch zu. Der Professor war sich offenbar im Klaren darüber, dass wir jungen Menschen das Schreiben von Briefen nahezu verlernt hatten und seine Chancen auf eine zeitnahe Antwort größer waren, wenn er seine Rufnummer anfügte. Als ich am Telefon nach dem Grund für die Bitte des Professors fragte, betonte dieser, dass sein Anliegen ein persönliches Treffen erfordere und er nur äußerst ungerne am Telefon näher auf die Sache eingehen wolle. Trotz meiner Neugier verzichtete ich wohl aus überzogener Höflichkeit darauf, zumindest auf eine grobe Umschreibung seiner Gründe zu bestehen, zumal der Zeitpunkt für die schon länger angedachte Reise nach Würzburg aufgrund jüngerer Ereignisse in meinem Leben günstig erschien. Zuhause drohten Erinnerungen an Ereignisse, die ich am liebsten zumindest für einige Zeit aus meinem Verstand bannen wollte, meine geistige Gesundheit nachhaltig zu geißeln.

 

So saßen der Professor und ich uns nun schon etwa zwei Stunden am einzig zwielichtigen Ort des Karzers gegenüber und ich stellte mir gerade vor, wie ein Abend in lebendigerer Gesellschaft hier hätte verlaufen können, als der Professor sich nach Aufmerksamkeit verlangend räusperte. Meine geistige Abwesenheit war ihm wohl schon vor einer Weile aufgefallen, doch machte er keinen gekränkten oder gar erbosten Eindruck. Im Gegenteil, sein Blick wirkte verständnisvoll, wenn auch etwas unheimlich, als er sich erneut zu mir über den Tisch beugte und sich mit einem Arm auf diesem abstützte, während er mit der freien Hand etwas hinter seinem Stuhl hervorhob und es auf den Tisch legte. Dann schob er den Gegenstand langsam in meine Richtung. Direkt vor mir lag nun ein in braunem Papier eingeschlagenes, sorgsam verschnürtes Paket unbekannten Inhalts. Doch die flache, rechteckige Silhouette mit der markanten Rundung an der linken Seite, die bei Kindern zu Weihnachten oft eher ein Gefühl der Enttäuschung hervorruft, hatte die Art des Gegenstandes, um die es sich handeln musste, bereits verraten. Einen Moment lang fixierte ich das eingeschnürte Paket mit meinen Augen, bevor ich den durchdringenden Blick des Professors bemerkte, der mich dabei beobachtete.

 

„Zu meinem Bedauern hatte Ihr Vater nach dem Tod Ihres Großvaters meine Bitte nach einem Treffen abgelehnt. Aber das Maß an Neugierde, das durch die Adern Ihrer Familie fließt, konnte wohl kaum eine zweite Generation überspringen. Ihr Großvater war mir beim Studium dieses Werks stets eine unverzichtbare Hilfe…“

 


Hat dich die Geschichte gepackt? Hast du Lob oder konstruktive Kritik? Über dein Feedback würden wir uns sehr freuen. Gerne kannst du meinem Discord joinen, auf Facebook vorbeischauen oder eine Email an toss-lounge@gmx.de schicken.