Geschichte, Kurzgeschichte, Fantasy, Die grünen Augen

 

Von: Tim (aka LaSh)

 

03.02.2021

 

Fantasy

 

Als Hörgeschichte auf YouTube

 

 

 

 

- Cover von LaSh

Mit gefletschten Zähnen und erhobenen Vorderpfoten starrt mich der Löwe an. Seine wachsamen Augen fixieren mich bedrohlich. Ich habe fast den Eindruck, dass er mich erkennt und von meiner Anwesenheit nicht gerade begeistert ist. Im dichten Regen wirkt der goldene Löwe ein wenig mürrischer und gefährlicher als sonst. Ein wenig frische Farbe würde ihm gut tun. Denn das hölzerne Schild, welches schwankend über einer der beliebtesten Gassen dieser Stadt hängt, hat eindeutig schon bessere Zeiten erlebt. Dennoch erfüllt es seinen Zweck und signalisiert schon von weitem, wo Reisende und Einheimische sich auf eine warme Mahlzeit, ausreichend Met und Gesellschaft aller Art freuen können. Ein weiterer Windstoß reißt an dem Löwen und die Kälte kriecht langsam durch meine durchnässte Kleidung. Schützend ziehe ich die Schultern hoch und richte meinen Blick wieder auf das Kopfsteinpflaster vor mir. Kleine Bäche mit dreckigem Wasser kommen mir entgegen und suchen sich ihren Weg in Richtung Hafen. Ich achte darauf in keine tiefe Pfütze zu treten und laufe rasch die letzten Schritte bis zu der bekannten Taverne. Heute wird sich meine Kundschaft wohl etwas gedulden müssen. Ich werde zunächst eine knusprige Hähnchenkeule und einen Becher Met vor dem großen Kamin benötigen, bevor ich mich um sie kümmern kann. 

 

Entschlossen stoße ich die schwerfällige Eingangstür auf und betrete tropfend den großen Raum, in dem sich der Großteil der Besucher des Goldenen Löwen aufhält. Der hölzerne Boden vor mir hat sich schon von dem hereingetragenen Regenwasser der Gäste dunkel gefärbt. Eine tropische Hitze und lautes Stimmengewirr schlägt mir entgegen. An diesem ungemütlichen Abend scheint es viele in den warmen Zufluchtsort gezogen zu haben. Große Kerzen brennen in ihren kunstvoll gefertigten Halterungen an den Wänden. Einige schwarze Kerzen-Kronleuchter hängen von der Decke und jemand hat sich die Mühe gemacht, alle Lichter zu entzünden. An der gegenüberliegenden Wand führt eine hölzerne Treppe auf eine Art Galerie. Selbst dort stehen Gäste verschiedenster Herkunft und trinken Met, unterhalten sich oder lassen einfach nur den Blick durch die Taverne gleiten. Jeder hier scheint über den Schutz vor dem Wetter dankbar zu sein und investiert gerne sein Gold in einen Becher Met. 

 

Ich bahne mir geschickt einen Weg durch die Menge. Erleichtert stelle ich fest, dass etwas abseits noch ein Tisch frei ist. Nahe genug am Kamin, sodass mein Mantel Chancen hat zu trocknen und doch abseits genug, um nicht ständig in den Kontakt der vielen Menschen zu kommen. Auf dem Weg zu meinem auserkorenen Tisch, fällt mir ein dicklicher Mann an der Theke auf. Mit rotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn lehnt er sich, soweit es sein Körper zulässt, auf den Tresen, um etwas zu bestellen. Seine wulstigen Lippen scheinen undeutliche Worte zu formen, denn Josh, die arme Seele auf der anderen Seite des Tresen, schaut ihn nur verständnislos an. Er sagt etwas und neigt den Kopf, um den dicken Mann besser verstehen zu können. Amüsiert stelle ich fest, dass Josh verzweifelt versucht den Mann zu verstehen und gleichzeitig auf Abstand zu bleiben, um nicht von seinem Speichel getroffen zu werden. Das Wams des Mannes spannt sich gefährlich, als er noch weiter auf den Tresen drängt. An seiner rechten Seite erkenne ich einen kleinen Geldbeutel, der an seinem Gürtel befestigt ist. Diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen. Mein Magen protestiert bei der Aussicht die Hähnchenkeule auf sich warten zu lassen, dennoch bahne ich mir einen Weg zum Tresen. Ich erkenne, dass ein junger Mann neben dem dicken Kerl von seinem unangenehmen Nachbarn schon sichtlich genervt ist und entscheide mich meinem Ziel von der anderen Seite zu nähern. Unauffällig drängle ich mich an den Tresen und sorge dafür, dass der dicke Mann, immer noch auf den armen Josh fokussiert, etwas ins schwanken gerät. Keuchend macht er einen Ausfallschritt von mir weg, um sein Gleichgewicht zu halten. Dabei rempelt er zwangsläufig den gereizten jungen Mann neben sich an. Wie erhofft verliert dieser die Fassung und dreht sich wutentbrannt um. Ich nutze die Gelegenheit der Ablenkung, lasse meine Klinge aus meinem Ärmel in die Hand rutschen und trenne mit einem schnellen sauberen Schnitt den Geldbeutel von seinem Besitzer, der nun drohend einen seiner fettigen Finger auf den jungen Mann richtet. Bevor die Szene weitere Aufmerksamkeit erhält, drehe ich mich weg und verschwinde in der Menge. Das war einfach. Zufrieden halte ich Ausschau nach dem freien Tisch und stelle erleichtert fest, dass sich noch niemand in die abseits gelegene Ecke gesetzt hatte. Als ich höre, dass die Lage am Tresen zu eskalieren droht drehe ich mich nochmal um. Gerade als Josh dabei ist den dicken Mann zum Ausgang zu begleiten, treffen sich unsere Blicke. Wie fast immer kann ich keine Regung in der Mimik von Josh erkennen, der scheinbar kein Problem damit hat den vermutlich doppelt so schwereren Herrn bestimmt nach draußen zu führen. Hat er meinen Diebstahl bemerkt? Doch schon bevor mir der Gedanke Angst machen kann, hat Josh wieder seinen Blick von mir abgewandt. Ich beschließe, dass er mich hinter dem fetten Kerl kaum gesehen haben kann und schon gar nicht meinen schnellen Griff zum Geldbeutel unterhalb des Tresens. Also nehme ich meinen Weg zum Tisch wieder auf, um endlich meinen Mantel zu trocknen und entspannen zu können. Mit ein bisschen Glück reicht dieser eine Kunde für heute Abend und ich kann die restliche Nacht genießen.

 

Nach einer Weile entdeckt mich Carren, ein Schankmädchen und die Seele des Goldenen Löwen. Hektisch aber selbstsicher ist sie offensichtlich damit beschäftigt die vielen Gäste halbwegs zufrieden zu stellen. Als sie zu mir blickt und ich sie mit meinem neu erworbenen Geldbeutel freundlich anlächle, rollt sie nur mit den Augen und geht weiter. Ich kann es ihr nicht verübeln, da sie genau weiß für welche Karriere ich mich entschieden habe. Aber ich bin mir sicher, dass sie mich irgendwie mag. Immerhin sitze ich hier noch und niemand hat den Versuch unternommen mich hochkant rauszuwerfen. Mal abgesehen von dem Löwen über der Tür, der aber zum Glück in seinem Handlungsspielraum etwas eingeschränkt ist. Nur auf die Hähnchenkeule werde ich wohl eine Weile warten müssen. Ein Ärgernis, das sich ertragen lässt. Schließlich habe ich einen angenehmen Sitzplatz erwischt und die Wärme findet langsam einen Weg in meinen Körper. Außerdem war der Herr am Nebentisch so nett mir seinen Krug Met zu überlassen. Zumindest habe ich ihn so verstanden, als er mich skeptisch musterte und anschließend aufsprang, um lauthals in das Gegröle einer Gruppe Männer einzusteigen. 

Es mussten einige Stunden vergangen sein, bis sich das Gedränge im Goldenen Löwen auflöste. Das Wetter hatte sich gebessert und viele Gäste nutzten die Gelegenheit, um trockenen Fußes weiterzuziehen.

 

Mit einem leichten Seufzer lehne ich mich zurück. Die Hähnchenkeule war köstlich gewesen. Wie vermutet hat mich Carren warten lassen, aber ich bin mir fast sicher, dass sie mir eine besonders saftige Keule übrig gelassen hat. Das würde sie mir gegenüber natürlich nie zugeben, aber das ist in Ordnung. Interessiert richte ich meinen Blick wieder auf die verbliebenen Gäste. Sie haben sich an dem großen Tisch in der Mitte der Taverne zusammengesetzt und diskutieren lautstark ein Thema nach dem anderen. Gerade berichtet einer der Männer gestikulierend von einer Schenke, die er in einer Stadt Namens "Gustins" hoch im Norden entdeckt hatte. Als er mit der vierten Übertreibung den Körper der dortigen Schankmagd in den Himmel lobt, beginnt ein etwas abseits sitzender Mann zu lachen. Ich wundere mich, dass ich ihn bisher noch nicht genauer beachtet habe. Nun, da er mit seinem alleinigen Lachen die Aufmerksamkeit der Taverne auf sich zieht, wird mir auch bewusst, dass Carren sich stets so kurz wie möglich in seiner Nähe aufgehalten hat. Das war untypisch für sie, denn Carren wusste mit ganz anderen Gestalten umzugehen. Mit einem zwar dunkel und geheimnisvoll gekleideten aber scheinbar älteren Herrn sollte sie eigentlich klar kommen. Das macht ihn interessant, denn er muss etwas ausstrahlen, das Carren nervös macht. Mittlerweile ist er wieder verstummt. Seinen schwarzen, zerschlissenen Hut hat er tief ins Gesicht gezogen. Die Männer am Tisch sind sich unsicher, wie sie auf den Mann reagieren sollen. Auch sie scheinen eine beunruhigende Ausstrahlung wahrzunehmen und verzichten auf die üblichen Pöbeleien. Schließlich wagt sich der Erzähler der Geschichte zu fragen "Was ist so lustig, alter Mann?". Unbeeindruckt steckt sich der Angesprochene eine Pfeife an. Im Schein des brennenden Streichholzes sieht man sein zerfurchtes Gesicht aufleuchten. Als er das Streichholz mit einer schnellen Handbewegung löscht blickt er endlich auf. Mich verunsichert, dass ich seine intensiv leuchtenden grünen Augen sogar von meinem Platz aus erkenne. Das sollte aus dieser Entfernung gar nicht möglich sein. Insgesamt scheint es im Goldenen Löwen dunkler geworden zu sein. Schatten verbreiten sich aus der dunklen Ecke, in der sich der alte Herr zurückgezogen hat. Oder lassen nur die Kerzen an den Wänden neben ihm zu dieser späten Stunde nach? Die ganze Szene wirkt so surreal. Es ist als ob jemand den Fokus auf den unheimlichen Mann gerichtet hat und alles um ihm herum dunkler und unscharf wird. Genüsslich zieht er an seiner Pfeife und lässt den dichten Rauch langsam aus seinem Mund entweichen. Der Rauch kräuselt sich in der Luft. Und sinkt dann zu Boden! Wie um alles in der Welt ist das möglich? Holz kracht auf Holz, als einer der Männer am Tisch dies bemerkt und so schnell aufgesprungen ist, das sein Stuhl nach hinten geworfen wurde. Der Rauch verflüchtigt sich nicht, sondern sammelt sich zu den Füßen des alten Mannes und scheint sich wie von selbst zu vermehren. "Angst liegt nie in den Dingen selbst, sondern darin, wie man sie betrachtet." ertönt es in einer kratzigen aber erstaunlich festen Stimme, aus der dunklen Ecke. Amüsiert blicken die grünen Augen zu dem aufgesprungenen Mann. Dann lacht er plötzlich kurz auf und legt die Pfeife aus der Hand. Schlagartig scheint es wieder heller zu sein, die unscharfen Konturen sind wieder klar zu erkennen und der Rauch löst sich langsam auf. Es herrscht wieder eine normale Atmosphäre im Raum. Das Ganze ging so schnell, dass ich mir ungläubig über die Augen reibe. Habe ich mir das gerade eingebildet? Den Männern in der Mitte des Raumes geht es scheinbar ähnlich. Fassungslos schauen sie umher. Derjenige, der vor Schreck aufgesprungen war, stellt verwirrt und mit unsicheren Bewegungen sein Stuhl wieder hin und setzt sich an den Tisch. "So." fährt der alte Mann fort, als ob er sich schon den ganzen Abend an den Gesprächen beteiligen würde "Und nun erzähl ich euch mal eine wahre Geschichte über eine Schenke, die viele für ein Märchen halten: Die Toss-Lounge". Ein leichtes Raunen geht durch den Raum. So langsam scheinen sich alle etwas beruhigt und die unheimliche Erscheinung verdrängt zu haben. Wahrscheinlich geht es ihnen ähnlich wie mir und zweifeln an ihrer Wahrnehmung zu dieser späten Stunde. Richtig selbstbewusst klingt der kräftige Mann mit Vollbart allerdings noch nicht als er dem alten Mann widerspricht. "Natürlich haben wir schon von der Toss-Lounge gehört. Es sind nette Geschichten, die gerne bei einem Becher Met erzählt werden. Aber jeder mit ein bisschen Verstand weiß, dass diese Märchen nichts mit der Realität zu tun haben." Ich fürchte mich schon um meinen eigenen Verstand, als es um den alten Mann herum wieder dunkler zu werden schien. Doch plötzlich wird der Eingang zum Goldenen Löwen aufgerissen. Zwei Männer der Stadtgarde kommen schnellen Schrittes herein und fixieren mich sofort. Sie ignorieren die überraschten Ausrufe der Gäste und halten so zügig und zielsicher auf mich zu, dass ich gar nicht reagieren kann. Was passiert hier? Warum wissen die genau wo sie mich finden? Mist, warum hatte ich mir auch diesen Tisch ausgesucht. Mein einziger Fluchtweg wäre an dem Tresen entlang gewesen, doch einer der beiden Gardisten hatte das sofort erkannt und sich entsprechend positioniert. Der andere baut sich vor mir auf: "Ihnen wird wiederholter Diebstahl und Betrug vorgeworfen. Sie sind festgenommen." Der zweite Gardist kommt hinzu und zieht mich halb über den Tisch. Ich habe keine Chance. Wenn ich mich jetzt wehre, könnten sie ihre Waffen nutzen und mich hier und jetzt töten. Der bullenartige Mann packt mich grob und beginnt mich zu durchsuchen. Anerkennend pfeifend zieht er die kleine, geschwungene Klinge aus meinem Ärmel. Ich lasse es über mich ergehen. Fieberhaft rasen die Gedanken durch meinen Kopf. Hatte mich der Dicke tatsächlich bemerkt und konnte der Garde eine eindeutige Beschreibung meines Aussehens liefern? Das kommt mir unwahrscheinlich vor. Ich drehe meinen Kopf und sehe zum Tresen. Josh steht mir verschränkten Armen da und beobachtet die Szene. Seine Mimik verrät mal wieder nichts. Hatte er etwas bemerkt und mich verpfiffen? Oder war es, Carren? Sie hat vor Entsetzen die Hände vor ihr Gesicht geschlagen und schaut mich bestürzt an. Falls dem so wäre, ist sie eine hervorragende Schauspielerin. Der Gardist prüft kurz sein Werk und nickt seinem Partner zu. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen werde ich von ihnen zum Ausgang gestoßen. Als ich unbeholfen einem Tisch ausweichen muss, trifft sich mein Blick mit dem des alten Mannes in der dunklen Ecke. Sein Mund verzieht sich zu einem amüsierten Grinsen. Er zwinkert mir zu und lehnt sich in seinem Stuhl mit seiner Pfeife in der Hand zurück. War er es gewesen? Hatte dieser mysteriöse Magier, Schwindler oder doch nur alte Mann mich angezeigt und genießt nun meine Erniedrigung? So sehr ich es auch will, ich kann einfach keine Wut auf ihn verspüren und seine Augen halten mich im Bann. Einer der Gardisten stößt mich murrend frontal gegen die Tür und drückt mich unsanft nach draußen. Zu dritt verlassen wir den Goldenen Löwen. 

 

Die Luft ist feucht und erfrischend von dem vergangenen Regen. Das Schild über uns klackert wie gewohnt im Wind und ich könnte schwören, dass der Löwe einen selbstzufriedenen Ausdruck in den Augen hat. Hat er mich verraten? Ich lache über mich selbst, jetzt beschuldige ich schon ein bemaltes Schild. Fröstelnd und wie im Tran gebe ich mich meinem Schicksal hin und lasse mich von den beiden Gardisten über die Straße führen. Der Neumond steht hoch über uns und beleuchtet zaghaft die ausgestorbene Gasse. Kaum jemand verlässt mitten in der Nacht freiwillig sein warmes Heim. Nur eine Person begegnet uns auf dem Weg zur Stadtwache. Als er uns sieht tritt er gehorsam beiseite und grüßt freundlich die Gardisten. Diese nicken ihm dankend zu. Als der alte Mann zu seinem Hut fasst, meine ich für den Bruchteil einer Sekunde intensiv leuchtende grüne Augen aufblitzen zu sehen.

 


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